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Schlaf und Wissenschaft

Der Erste-Nacht-Effekt: Warum wir im Hotelbett schlechter schlafen und wirrer träumen

10. Juli 2026 · 8 Min. Lesezeit
Der Erste-Nacht-Effekt: Warum wir im Hotelbett schlechter schlafen und wirrer träumen

Der Koffer steht noch halb offen, das Kissen riecht fremd, und obwohl der Tag lang und die Reise anstrengend war, starrst du um zwei Uhr nachts an eine unbekannte Zimmerdecke. Wenn du dann doch einschläfst, wirken die Träume seltsam verschoben, als hätte dein Kopf die Reise noch nicht ganz mitgemacht. Dafür gibt es einen Namen und eine erstaunliche Erklärung im Gehirn.

Die Nacht, in der ein Teil des Gehirns wach bleibt

Schlafforscher kennen das Phänomen schon seit Jahrzehnten, lange bevor jemand darüber im Zusammenhang mit Hotelzimmern nachdachte. Wenn Versuchspersonen zum ersten Mal in einem Schlaflabor übernachten, ist ihr Schlaf so auffällig gestört, dass Forschende diese erste Nacht meist gar nicht in ihre Auswertung aufnehmen. Genau Sleep researchers discovered the "first-night effect" decades ago, when they began studying people in sleep labs, und die erste Nacht dient seither meist nur als sogenannte Anpassungsnacht.

Was zunächst wie ein lästiges Störgeräusch in Studien wirkte, entpuppte sich später als eigenständiges, sinnvolles Phänomen. Der Effekt ist so verlässlich messbar, dass er heute unter dem Namen Erste-Nacht-Effekt oder First-Night-Effect in der Schlafforschung fest verankert ist. Er zeigt sich unter anderem in einer konsistenten Reduktion der Schlafqualität in der ersten Nacht in einer neuen Umgebung, mit vermehrtem Wachliegen nach dem Einschlafen, geringerer Schlafeffizienz und weniger Tiefschlaf.

Besonders spannend wurde es, als ein Team der Brown University 2016 nicht mehr nur den gestörten Schlaf selbst untersuchte, sondern der eigentlichen Ursache auf den Grund gehen wollte. Die Forscherinnen Yuka Sasaki und Masako Tamaki fragten sich, was im Gehirn eigentlich passiert, wenn wir zum ersten Mal woanders schlafen. Ihre Ergebnisse, veröffentlicht im Fachjournal Current Biology, lieferten eine Erklärung, die viele überraschte.

Sie fanden heraus, dass tatsächlich etwas an der alten Redewendung dran ist, mit einem Auge offen zu schlafen. Menschen, die abends wachsam gegenüber möglicher Gefahr ins Bett gehen, versprechen sich manchmal, mit einem offenen Auge zu schlafen. Eine Studie der Brown University zeigt, dass das gar nicht so weit hergeholt ist. In der ersten Nacht an einem neuen Ort bleibt eine Gehirnhälfte während des Tiefschlafs wacher als die andere, offenbar in einer Art Bereitschaftszustand.

Der linke Wächter: Was im Schlaflabor gemessen wurde

Für ihre Untersuchung ließen die Forschenden 35 Versuchspersonen an zwei Nächten im Abstand von jeweils einer Woche im Labor schlafen. Über drei Experimente hinweg maß das Team mit verschiedenen Methoden die Hirnaktivität während zweier Nächte Schlaf, jeweils eine Woche auseinander, bei insgesamt 35 Freiwilligen. Das Ergebnis war eindeutig und wiederholte sich zuverlässig.

In der ersten Nacht blieb ausgerechnet ein Netzwerk in der linken Gehirnhälfte deutlich aktiver als das entsprechende Netzwerk rechts, und zwar besonders während der Tiefschlafphase, dem sogenannten Slow-Wave-Schlaf. In der zweiten Nacht, wenn die Umgebung nicht mehr neu war, verschwand dieser Unterschied vollständig. Wie Yuka Sasaki es zusammenfasste: Die linke Seite scheint wacher zu sein als die rechte Seite.

Um zu prüfen, ob diese wachere Hälfte tatsächlich eine Wächterfunktion übernimmt, spielten die Forschenden den Schlafenden während der Nacht leise Töne vor. Dabei zeigte sich, dass Probandinnen und Probanden schneller aufwachten, wenn der Ton ins rechte Ohr gespielt wurde, das mit der linken Gehirnhälfte verbunden ist. Die wachere Hälfte reagierte also nachweislich empfindlicher auf Reize von außen, fast wie ein Nachtwächter, der bei jedem Geräusch die Augen aufschlägt.

Interessant ist zudem, dass sich dieser Effekt gezielt auf potenziell bedeutsame Reize konzentriert. Die betroffene Hirnhälfte reagierte nicht einfach nur allgemein empfindlicher, sondern speziell auf ungewöhnliche, abweichende Signale in der Umgebung. Genau das würde man von einem echten Alarmsystem erwarten, das nicht bei jedem gewohnten Rauschen anschlägt, sondern gezielt bei etwas Neuem oder Unerwartetem.

Warum Träume in fremden Betten wirrer und intensiver wirken

Viele Reisende berichten, dass ihre Träume in der ersten Nacht im Hotel besonders lebhaft, seltsam oder fragmentiert wirken. Auch dafür liefert der Erste-Nacht-Effekt eine plausible Erklärung, die eng mit der wacheren Gehirnhälfte zusammenhängt. Denn Träume erinnern wir uns vor allem dann besonders gut, wenn wir kurz während oder direkt nach einer Traumphase aufwachen.

Da die wache Hälfte des Gehirns in einer fremden Umgebung häufiger kleine Weckreaktionen auslöst, steigt automatisch auch die Chance, sich an Trauminhalte zu erinnern. Das mag ein evolutionärer Mechanismus sein, um uns gegenüber potenziellen Gefahren in unbekannter Umgebung wachsam zu halten. Wir wachen in der ersten Nacht wahrscheinlicher auf, und weil wir uns an Träume besser erinnern, wenn wir häufiger aufwachen, wirken unsere Träume vermutlich lebhafter als sonst.

Auch die britische BBC Science Focus greift diesen Zusammenhang auf und erklärt ihn evolutionär: Evolutionäre Theorien betonen, dass wir uns sicher fühlen müssen, um unsere Wachsamkeit abzulegen und einzuschlafen. Deshalb schlafen wir in einer neuen Umgebung möglicherweise schlechter. Wenn wir nachts häufiger aufwachen, erinnern wir uns eher an unsere Träume. Das erklärt auch, warum manche Menschen das Gefühl haben, im Urlaub oder auf Geschäftsreise generell mehr zu träumen, obwohl vermutlich einfach nur die Erinnerung daran besser haften bleibt.

Hinzu kommt, dass unser Gehirn in einer neuen Umgebung ohnehin mit vielen frischen Eindrücken beschäftigt ist. Neue Gerüche, ungewohnte Geräusche der Klimaanlage, andere Lichtverhältnisse durch fremde Vorhänge oder das Gefühl eines anderen Kissens unter dem Kopf, all das wird nachts mitverarbeitet. Es ist daher kein Zufall, dass Traumbilder aus dem Alltag der Reise, aus neuen Orten und Begegnungen, sich in der ersten Nacht besonders bunt und manchmal sprunghaft miteinander vermischen.

Ein uraltes Erbe: Wale, Vögel und der Wachschlaf

Was beim Menschen als kleine, aber messbare Asymmetrie zwischen beiden Gehirnhälften auftritt, kennt die Natur in einer viel radikaleren Form. Delfine und andere Meeressäuger etwa müssen auch im Schlaf regelmäßig auftauchen, um zu atmen, weshalb sie buchstäblich nur mit einer Gehirnhälfte auf einmal schlafen, während die andere wach bleibt. Auch bestimmte Vogelarten praktizieren diesen sogenannten unihemisphärischen Schlaf, um während des Fliegens oder in gefährlicher Umgebung ein Auge offen zu halten.

Die Brown-Forschenden vermuten, dass der menschliche Erste-Nacht-Effekt eine Art abgeschwächtes Echo dieses uralten Mechanismus sein könnte. Das deutet darauf hin, dass Menschen etwas mit Vögeln und Meeressäugetieren gemeinsam haben, die häufig eine Gehirnhälfte schlafen lassen, während die andere wach bleibt. Wir schalten also nicht wie Wale eine komplette Hälfte ab, aber ein kleiner Teil dieses Schutzprogramms scheint auch in uns angelegt zu sein.

Diese Deutung passt gut zu dem, was Schlafforscher Björn Rasch von der Universität Freiburg beschreibt. Man könne sich das als einen alten Mechanismus vorstellen, der es uns leichter macht aufzuwachen, wenn wir uns unsicher sind, ob eine Umgebung gefährlich sein könnte. Dieser Wächterinstinkt hat unsere Vorfahren vermutlich über unzählige Nächte an wechselnden, manchmal unsicheren Schlafplätzen geschützt, lange bevor es Hotelzimmer mit verriegelten Türen gab.

Aus dieser Perspektive betrachtet ist eine unruhige erste Nacht im Hotel also kein Zeichen dafür, dass etwas mit einem selbst nicht stimmt. Es ist vielmehr ein sehr altes, gut gemeintes Schutzprogramm, das schlicht nicht zwischen einem gemütlichen Vier-Sterne-Zimmer und einer wirklich unsicheren Umgebung unterscheiden kann. Das Gehirn tut, was es seit Jahrtausenden tut: Es bleibt vorsichtshalber ein bisschen wachsam.

Lerchen, Eulen und die tröstliche zweite Nacht

Nicht jeder Mensch erlebt den Erste-Nacht-Effekt gleich stark. Die Sleep Foundation verweist auf Untersuchungen, wonach der Chronotyp eine Rolle spielt, also ob jemand eher ein Morgen- oder ein Abendmensch ist. Morgentypen berichteten häufiger von neu auftretenden Schlafproblemen in Hotels als Abendtypen. Abendtypen haben tendenziell einen flexibleren Schlafrhythmus, wodurch sie sich leichter an eine neue Umgebung anpassen können. Morgentypen dagegen halten eher an festen Zeitplänen fest und reagieren daher empfindlicher auf Störungen durch Zeitverschiebung oder eine fremde Umgebung.

Tröstlich ist dabei vor allem eines: Der Effekt trägt seinen Namen zu Recht, denn er betrifft wirklich nur die erste Nacht. Der Trost am Erste-Nacht-Effekt liegt schon in seinem Namen, denn Untersuchungen zeigen, dass sich die Einschlafverzögerung in der ersten Nacht an einem neuen Ort in den folgenden Nächten bessert. Schon in der zweiten Nacht am selben Ort verschwindet die auffällige Asymmetrie zwischen den Gehirnhälften in aller Regel wieder, weil die Umgebung dem Gehirn inzwischen vertraut genug erscheint.

Auch Björn Rasch rät deshalb vor allem zu Gelassenheit gegenüber diesem natürlichen Übergangsphänomen. Wer bereits mit der Erwartung ins Bett geht, ohnehin schlecht zu schlafen, verstärkt die innere Anspannung oft zusätzlich. Die Sorge um den Schlaf selbst wird so schnell zum größeren Störfaktor als die fremde Matratze oder das ungewohnte Zimmer.

Wer häufiger reist oder öfter in fremden Betten übernachtet, kann zudem beobachten, dass sich der Effekt mit der Zeit etwas abschwächt. Ein Gehirn, das viele unterschiedliche neue Umgebungen kennengelernt hat, scheint schneller zu lernen, dass ein ordentliches Hotelzimmer selten wirklich gefährlich ist. Vielreisende berichten deshalb oft, insgesamt entspannter mit ungewohnten Schlafplätzen umzugehen als Menschen, die selten von zu Hause weg sind.

Sanfte Rituale für die erste Nacht unterwegs

Auch wenn sich der Erste-Nacht-Effekt nicht vollständig abschalten lässt, gibt es einfache Wege, ihn etwas milder zu gestalten. Schlafexpertin Dr. Rebecca Robbins von der Harvard Medical School betont vor allem die Kraft von Gewohnheiten. Die Wahrheit ist, dass wir uns in einer fremden Umgebung grundsätzlich schwerer entspannen können. Zu Hause entspannt sich unser Körper leichter. Ob es neue Geräusche oder Gerüche sind, unser Gehirn ist in höchster Alarmbereitschaft und scannt das Hotelzimmer wie unbekanntes Terrain.

Genau deshalb hilft es, das eigene Abendritual so gut wie möglich mitzunehmen. Wer zu Hause vor dem Schlafengehen liest, meditiert oder eine bestimmte Creme aufträgt, sollte diese kleinen Gewohnheiten auch im Hotel beibehalten. Robbins erklärt dazu treffend: Es sich zur Gewohnheit zu machen, ist tatsächlich wichtig, weil das Gehirn dadurch lernt, dass als Nächstes der Schlaf kommt.

Auch praktische Kleinigkeiten machen einen spürbaren Unterschied. Ein eigenes Kopfkissen oder zumindest ein vertrauter Kissenbezug von zu Hause, ein gewohnter Duft oder ein leises Nachtlicht können der fremden Umgebung etwas von ihrer Fremdheit nehmen. Auch dunkle Vorhänge, Ohrstöpsel gegen ungewohnte Geräusche im Flur und eine angenehm kühle Zimmertemperatur unterstützen den Körper dabei, leichter loszulassen.

Wer nachts wach liegt und merkt, wie die Gedanken kreisen, muss sich nicht zum Schlafen zwingen. Aufstehen, kurz das Zimmer wechseln, eine ruhige Atemübung machen und erst bei echter Müdigkeit zurück ins Bett gehen, kann helfen, das Bett nicht mit Anspannung zu verknüpfen. Und falls die Träume in dieser ersten Nacht besonders wild ausfallen, darf man das auch einfach als kleines, sehr menschliches Zeichen dafür nehmen, dass ein Teil des eigenen Gehirns treu über einen gewacht hat, bis der neue Ort vertraut genug geworden ist.

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Häufige Fragen

Was genau ist der Erste-Nacht-Effekt?

Es ist die in der Schlafforschung gut dokumentierte Beobachtung, dass Menschen in einer neuen Umgebung, etwa im Hotel oder Schlaflabor, in der ersten Nacht schlechter schlafen als in den folgenden Nächten, mit häufigerem Aufwachen und weniger Tiefschlaf.

Warum bleibt eine Gehirnhälfte wacher?

Forschende der Brown University fanden, dass die linke Gehirnhälfte während des Tiefschlafs in fremder Umgebung aktiver bleibt als die rechte und empfindlicher auf ungewohnte Geräusche reagiert, ähnlich einem inneren Wächter.

Warum träume ich im Hotel wirrer als zu Hause?

Weil das Gehirn in neuer Umgebung häufiger kurz aufwacht, erinnern wir uns besser an Träume aus diesen Nächten. Sie wirken dadurch lebhafter oder fragmentierter, nicht weil der Traum selbst ungewöhnlicher wäre.

Verschwindet der Effekt von selbst?

Ja, in der Regel bereits ab der zweiten Nacht am gleichen Ort, sobald das Gehirn die Umgebung als vertraut und sicher einstuft und die Wachsamkeit der einen Gehirnhälfte nachlässt.

Was hilft konkret gegen schlechten Schlaf im Hotel?

Vertraute Abendrituale beibehalten, ein eigenes Kissen oder einen bekannten Duft mitnehmen, das Zimmer dunkel und kühl halten und bei Wachliegen kurz aufstehen statt sich zum Einschlafen zu zwingen.

Quellen

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